“Die Unabhängigkeit hat ihren Preis” zitierte unlängst die Online-Ausgabe der “Berliner Zeitung” einen freiberuflichen Unternehmensberater, der seine “Vereinsamung” beklagte. Unter der Überschrift “Arbeitsplätze der Zukunft” wurde das “Nomadentum” der heutigen “Laptop-Arbeiter” beschrieben, die heute hier und morgen dort werkeln, und neuerdings als “Digitale Boheme” mystifiziert werden. “Arbeitsorte für Kreativarbeiter” übersetzt die Hauptstadtgazette jenen Begriff, der auch am Ammersee zunächst viele “Hähhs??” geerntet hat: “Coworking”. Die Beschreibung des Phänomens, das in unserem Luftkurörtchen als “DenkerHaus-Projekt” herumgeistert, gefällt mir: “Man arbeitet gemeinsam, aber nicht zusammen. Freiberufler ziehen unter das dasselbe Dach und buchen einen Schreibtisch auf Zeit.” Solche Häuser würden zukünftig Organisationen sein, heißt es dort weiter, denn die Konzerne würden wissen, dass sie an solchen Orten künftig viele Dienstleistungen versammelt finden.

Die Light-Büro-Versionen sparen viel Geld, aber mehr noch seien die hier entstehenden Kontakte zwischen den “Laptop-Nomaden” von “unschätzbarem Wert”. Zitiert wird ein Experte vom Institut für Freie Berufe an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg. Er empfiehlt Coworking vor allem “aus sozialpsychologischen Gründen”. Die negativen Folgen der Vereinzelung im Beruf würden noch immer sehr unterschätzt. Vorausgesagt wird ein drastischer Anstieg der Zahl von Coworking-Projekten. Die Zahl freiberuflich arbeitender Menschen in Deutschland sei von 2001 mit 52.000 bis zur bisher letzten Erhebung 2006 auf 67.000 gestürmt, “Tendenz steigend”.

Heute abend trifft sich das DenkerHaus-Gründerteam wieder. Das Geschäftsmodell soll weiter geknetet werden, damit die Suche nach einer geeigneten Immobilie forciert werden kann. Was muss der “digitalen Boheme” im Luftkurörtchen und Umgebung geboten werden, damit sie das DenkerHaus auch annimmt? Wie viel ist dann zu investieren und wie viel kann erlöst werden…? Die Gründer-Köpfe werden also wieder rauchen, doch langsam aber sicher lichtet sich der Nebel im “Bohemeschen Dorf”.

P.S. Mit Freude habe ich die Nachricht aus dem Uttinger Gewerbeverband vernommen, dass auch dort – “nach dem Diessener Vorbild” – ein Raum für das Coworking geschaffen werden soll.

Kommentare

1 Kommentar zu “Bohemesche Dörfer”

  1. Alexander Greisle on Februar 3rd, 2010 12:08

    Darf ich mal was ketzerisches zum Begriff “Digitale Boheme” sagen? Es ist ja OK, wenn damit ein Lebensgefühl gemeint ist und man es chic findet, Boheme zu sein und so zu leben.

    Aber: Freiberufler ungleich digitale Boheme. Als allgemeine Klassifizierung für Selbstständige und Freiberufler taugt der Begriff so gar nicht. Ich finde mich darin nicht wieder. Ich bin kein Bohemian sondern selbstständiger Unternehmer in der Rechtsform eines Freiberuflers. Ich fühle mich nicht (und auch nicht wohl) als intellektuelle Randgruppe, egal ob mit oder ohne Laptop.

    Für CoWorking: Man wird so erfolgreich wie die Leute mit denen man sich umgibt. Und da umgebe ich mich lieber mit anderen erfolgreichen Unternehmern von denen ich lernen und mich verbessern kann. Auch wenn es natürlich viel zeitgeistiger wäre, ein Bohemian zu sein.

    Inspirierend für beide Seiten dürfte die Durchmischung in einem Denkerhaus sein. Offenes Mindset vorausgesetzt.

 

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