Feb
7
Gemeinderat rückt “Zielgruppendilemma” zu Leibe
abgelegt von Hannes Sander in Diessen
Haben wir im Luftkurörtchen ein “Zielgruppendilemma”? Diese verblüffende Frage galt soeben in der Gemeinderatssitzung nicht ersehnten Ansiedlungen im neuen Gewerbegebiet Romenthal, auch nicht kühnen touristischen Projekten. Sie rankte sich um den Dießener Jugendtreff (Juze).
SPD-Gemeinderat Erich Schöpflin hatte seine Frage angesichts von Feststellungen im Jahresbericht des Jugendtreffs aufgeworfen, wonach immer weniger Ü14-Jugendliche die Jugendtreff-Angebote annehmen würden, der Trend eher noch zu den U14-Kids gehe. Schöpflin wollte vom eingeladenen Juze-Chef, unserem gemeindlichen Sozialpädagogen Ralf Kleeblatt, die Gründe dafür erfahren. Er fände es auch “blöd”, wenn die Ursachen auf das erteilte Alkoholverbot im Juze reduziert würden.
Bei seinen Erklärungsversuchen kam Ralf Kleeblatt ziemlich schnell – und ganz von selbst – auf das Thema Social Networks. (Ich hatte am 15. Januar hier im MOOSBLOGGER schon etwas zu Ralf Kleeblatts Haltung zu Social Networks widerredet, die er in seinem Jahresbericht ausgebreitet hatte.) “Wir werden die Jugendlichen nicht kriegen, wenn sie in die sozialen Netzwerke abtauchen”, war nun eine seiner Thesen im montagabendlichen Gemeinderat. “Auf Landkreisebene” soll es demnächst eine Verständigung mit Kollegen geben, wie Social Networks für die offene Jugendarbeit genutzt werden könnten. “Facebook-Accounts” von Jugendzentren – vom Jugendtreff im benachbarten Utting gibt es wahrhaftig eine Facebook-Site – hätten aber keine Effekte für die Alltagsarbeit solcher Einrichtungen, war seine Meinung.
Ein Vorschlag von Ralf Kleeblatt zielte in eine andere Richtung: einem wiederzubelebenden Jugendbeirat sollte ein Rederecht im Gemeinderat per Satzung eingeräumt werden. Darauf versicherte zwar jeder folgende Diskutant aus dem Ratsgremium, Jugendliche fänden bei ihnen Gehör, wenn sie etwas äußern wollten. Aber die Idee von einer Rederechtssatzung erntete dann doch eine Absage nach der anderen. Die Gemeinderäte wollten kein neues “Papier” und auch nicht “zu viel über Gremien reden”, meinten sie, sondern darüber, wie Jugendliche besser erreicht werden könnten.
Schöpflin brachte es auf den Punkt: “Hören wir Jugendlichen eigentlich zu?”
Und an dieser Stelle muss ich mal wieder in die Social Media Kerbe hauen. Warum wohl stecken so viele Unternehmungen so viel Kraft in so ein Zeux wie Facebook und Co.? Weil ihnen soziale Netzwerke die große Chance eröffnen, ihrer Zielgruppe vor allem ZUZUHÖREN; ihre Interessen, Wünsche und Meinungen, Vorschläge zu erfahren. Damit das aber wirklich gelingen kann, braucht es Hirnschmalz und Begeisterung für dieses neue Teufelszeug. Eine Facebook-Seite allein wird natürlich nicht die Ü14er ins Juze schaufeln. Es braucht genauso schmeckende Angebote, Freiheiten und auch das vieldiskutierte Gehör.
Die wirklich spannende Diskussion unserer Gemeinderäte schrammte dann noch an einem neuerlichen Versuch einer Jungbürgerversammlung (glücklicherweise) vorbei zu einem anderen Plan: Man sollte sich jetzt die Zeit nehmen für ein Juze-Konzept und ein Anforderungsprofil für dessen Macher, hatte Schöpflin appelliert. So verblieb dann auch der Gemeinderat. – Ob die “Zielgruppe” auch daran schon “mitwirken” wird?
Kommentare
4 Kommentare zu “Gemeinderat rückt “Zielgruppendilemma” zu Leibe”
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Ging wohl in der Debatte unter, ich habe mich ausdrücklich dafür ausgesprochen, dass ein gewählter Jugendbeirat Rederecht im GM haben soll.
Es wird sich niemand engagieren wenn er nichts zu sagen hat !
@wandkarten: Ging nicht unter, hatte es “zustimmend” vernommen. – Auch andere Diskussionsbeiträge wären zitierenswert gewesen. Aber Ihr lasst ja keine Tonaufzeichnungen zu (außer, man hört schwerer), da wird es schwierig, wenn man nicht stenografieren kann….
@hannes ich bin für einen live Blogg das wär spannend und für den Bürger aufschlussreich
Dazu drei Kommentare:
1. Dass ich der Meinung bin, dass eine zeitgemäße und somit sinnige Jugendarbeit nicht mehr ohne Soziale Netzwerke funktionieren kann, habe ich hier schon an anderer Stelle im Moosblogger kundgetan.
Davon abgesehen, dass immer mehr Jugendliche ihren Alltag mit dem Internet gestalten, z.B. Veranstaltungen suchen, zusagen, organisieren oder Interessensgemeinschaften gründen, muss ein Pädagoge seinen Schützlingen heutzutage einfach erklären können wie sie sich zB vor Cybbermobbing schützen oder welche Daten bei FB und Co nichts verloren haben. Das sind nun mal die Themen, die die Ü14-Generation umtreibt, abgesehen von den sonstigen Themen, die wahrscheinlich so alt sind wie die Pubertät selbst. Natürlich muss nicht jeder in der Jugendarbeit Facebook-Experte werden, aber wenn man sich selbst komplett ins Aus schießt, indem man die Hände in die Luft wirft und sagt: “Geht mich nichts an, das Teufelszeug!”, verspielt man seine Glaubwürdigkeit gegenüber den Jugendlichen.
2. Mein ABSOLUT SUBJEKTIVER Eindruck der Entwicklung des Jugendzentrums in den letzten Jahren (in denen ich noch vor Ort lebte) war eine bewusste oder unbewusste Neuorientierung hin zu den U14ern. Offene Abende wurden zugunsten von “Kindertanzen” oder ähnlichen Veranstaltungen abgesetzt. Ein Blick auf das Wochenprogramm zeigte immer mehr “Kinder”, als Jugendveranstaltungen.
Wenn weniger Veranstaltungen/Öffnungen sich direkt an die Älteren richten, ist es kein Wunder, dass diese sich neue Beschäftigungen und Orte suchen.
3. Schön zu hören, dass so viele Gemeinderäte sich einem offenen Ohr für die Jugend verschreiben. Wie der Autor allerdings schon andeutet, sehe ich nicht wie dieses Offene Ohr ohne die neuen Netzwerke des Internets vermittelt werden soll. Eine Jungbürgerversammlung ohne FB, SchülerVZ und Co kann ich mir kaum vorstellen.
Soziale Netzwerke bieten den engagierten und interessierten Jugendlichen Räume und Möglichkeiten sich zu organisieren und auszutauschen, wenn nötig auch abseits der etablierten (und evtl auch veralteten) Einrichtungen der Gemeinde und Jugendarbeit.
Ich kann mir vorstellen, dass wenn mit Hilfe der Jugendbeauftragten und anderen engagierten Mitgliedern der Gemeinde eine moderne, soziale Form der Mitarbeitsplattform geschaffen wird, sich aus dieser Keimzelle ein neuer Jugendbeirat, Jungbürgerversammlung u.Ä. entwickeln und somit der Jugendbeteiligung in Diessen neues Leben eingehaucht werden kann.
Vielleicht würde sich hier auch ein Blick über den Tellerrand oder in evtl bereits bestehende Strukturen in den Netzwerken lohen.