In unserem Luftkurörtchen gibt es eine großartige kommunale Einrichtung für die Kinder- und Jugendarbeit, den “Jugendtreff“. Geleitet wird das Jugendzentrum vom Sozialpädagogen Ralf Kleeblatt, vor dessen engagierter Arbeit, die sicher nicht immer ganz einfach sein dürfte, ich meinen Hut ziehe.

Auch zum letzten Jahreswechsel hat Ralf Kleeblatt wieder einen akribischen “Jahresbericht 2011 Jugendtreff Dießen am Ammersee” vorgelegt. Das 16-seitige Gesamtwerk ist als PDF online und informiert nicht nur über die vielfältigen Aktivitäten; hier werden auch einige Punkte aufgeworfen, über die man sprechen sollte – und die meine Widerrede haben.

Ein Thema ist das bitterböse Internetz. Mit einigen Passagen liefert der Jahresbericht Diskussionsstoff zum Sinn bzw. Unsinn sozialer Netzwerke. Unter der Überschrift “Jugendtreff und Facebook” schreibt Ralf Kleeblatt: Ob sich der Jugendtreff “beim derzeit größten sozialen Netzwerk” Facebook eine Site anlegen sollte, darüber “ist der Meinungsbildungsprozess (bei mir) noch nicht abgeschlossen“. Und weiter: “Bekanntermaßen nutzen sehr viele Jugendliche (aber auch schon Kinder, also unter 14 Jährige), sogenannte soziale Netzwerke.” – Dem ist nur zuzustimmen: In Deutschland hatte Facebook am 1.1.2012 laut allfacebook.de 21,1 Mio. Nutzer, 17% davon sind 13- bis 17-Jährige.

Vom Jugendtreff-Chef ist dann zu lesen, er habe für den Jugendtreff einen Facebook-Account kurzzeitig schon realisiert, aber mittlerweile … “aufgrund meiner Zweifel wieder gelöscht.” Seine Beweggründe listet er so auf: Ein Großteil des Lebens vieler Jugendlicher basiere weitestgehend nur noch auf dem Internet und besonders sozialen Netzwerken. “Unglaublich viel Zeit wird am/vor dem Computer verbracht und sich in diesen Netzwerken ausgetauscht. Hier möchte ich mit einem Jugendtreff Account keinen Beitrag leisten an dieser Zeitschraube weiter zu drehen.” Auch er selbst müsste dazu übrigens “zu viel sinnlose Zeit” am Computer verbringen. “Ein unmittelbarer und direkter Kontakt/Austausch mit Kindern und/oder Jugendlichen ist mir wichtiger”, so Kleeblatt.

Bei dieser Argumentation regt sich – natürlich – schon Widerspruch: Wenn Jugendliche sich vor allem im Web tummeln, muss sie genau dort abholen, wer sie gewinnen will! Wem nutzt es, einen Bogen um die sozialen Netzwerke zu machen? Wenn das “Juze” nicht bei Facebook zu finden ist, sind es viele, viele andere. Genau hier passende Angebote aufzubauen, ist keine “sinnlose Zeitverschwendung”. Den unmittelbaren, “direkten” “Kontakt/Austausch” wird wohl nur der knüpfen, der zu finden und attraktiv ist, und zwar dort, wo er heutzutage von Jugendlichen gesucht wird. Wenn das also die teuflischen Social Networks sind, dann muss man dort präsent sein! Wo ist denn Zeit sinnvoller angelegt: Beim Austragen von Papierflyern oder der Pflege von Social Network Präsenzen…?

Dennoch zufrieden mit der gegenwärtigen Juze-Web-Welt schreibt der Chef weiter: “Darüber hinaus verfügt der Jugendtreff über eine eigene Homepage, die ständig von mir aktuell gehalten wird und mir natürlich auch schon Zeit abverlangt (aber sinnvoll). Alle Angebote des Jugendtreffs sind damit jederzeit und weltweit abrufbar.” Das mag sein. Aber, wie wirksam ist dieser Online-Auftritt? Meine Erfahrungen sagen: Die klassische Website hat sich überlebt, als schlichte Visitenkarte darf sie noch weiterleben. Das “Web” ist längst weitergezogen.

Warum tummeln sich Jugendliche wohl in den sozialen Netzen? Was ist das “Erfolgsgeheimnis” von Social Media? – Man nennt das ganze Zeux auch – nicht mehr erst seit gestern – “Mitmach-Web”. Die Zeiten, da sich – junge wie alte – Bürger tumb berieseln ließen, sind längst vorbei. Gerade die junge Generation ist es von Kindesbeinen an gewohnt, selbst mediale Inhalte zu produzieren – und öffentlich zu machen. Die Zeiten, dass Medien in den Händen von ein paar Verlautbarern lagen, sind passé. Wo steht da also die Web-Präsenz des Jugendtreffs? Bei der Modernisierung “mitmachende Jugendliche” einzubeziehen, wäre ein guter Weg.

Der Juze-Chef hat einen pointierten Schlusssatz für sein Facebook-Kapitel im Jahresbericht gewählt: “Vor Facebook ging alles auch ohne Facebook. Warum soll das mit Facebook nicht auch möglich sein?” - Man kann von einzelnen Plattformen, ob sie Facebook, SchülerVZ oder sonstwie heißen, halten was man will; aber soziale Netzwerke sind eine großartige Errungenschaft. Sie sind nicht zu ignorieren oder zu verdammen, sondern klug zu nutzen!

Kommentare

1 Kommentar zu “Soziale Netze & Jugendarbeit: Eine Widerrede”

  1. Anni Sander on Januar 25th, 2012 01:15

    Ganz meine Meinung:
    Moderne Jugendarbeit geht nicht ohne soziale Netzwerke. Das ist ein grundliegender Schritt, um Jugendliche mit ins Boot zu holen und wenigstens zu zeigen, dass sie mitreden können.
    Bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken dreht es sich nicht nur um das Leben im Internet, sondern auch um die Organisation von Veranstaltungen und Diskussionen, die weit darüber hinausgehen.

    Meine Lieblinglehrerin, eine Pädagogin, die ich sehr respektiere, sagte immer:
    Man muss die Jugendlichen da abholen wo sie stehen. Und heutzutage stehen sie nun einmal mit einem Bein im World Wide Web.

 

Zum Kommentieren müssen Sie angemeldet sein.