Eine Flaniermeile im Luftkurörtchen. Wie soll das denn gehen? – Gestern war bei der Jahreshauptversammlung des Diessener Gewerbeverbandes Spinnstunde, im besten Sinne des Wortes. Wenn der Ort sich derartig herausputzen wollen würde, welche Bedingungen müssten erfüllt werden und wie müsste man es angehen?
Weil es mit dem Visionieren nicht immer so einfach ist an diesem Fleck Erdkruste hatte Gewerbeverbandschef und Grünen-Gemeinderat Michael Hofmann einen klugen Schachzug getan: Als Referenten hatte er nicht nur einen (nicht-norddeutschen) erfahrenen Gemeinderat aus dem noch südlicheren Bayern eingeladen, der selbst einen jahrzehntelangen Weg zu einer Fußgängerzone in seinem Heimatort Murnau gegangen war, nein, mit Wolfgang Köglmayr sprach auch ein Urenkel eines einstigen Diessener Bürgermeisters Köglmayr frisch und frei das aus, was er für richtig hielt. Dass er sich bestens vorbereitet und dazu im Ort aufmerksam umgeschaut hatte, daran ließ Köglmayr keinen Zweifel.
Eines wurde klar in dem spannenden, sehr konkreten Vortrag: Hier hat der Gewerbeverband ein wirklich komplexes Thema aufgegriffen, diverse Fragen sind zu klären, viele verschiedene Personengruppen ins Boot zu holen.
Letztere teilte Köglmayr in Politiker, Geschäftsleute sowie Kunden/Gäste ein, wobei die Gruppen selbst natürlich auch unterschiedlichste Meinungen vertreten. Eines wurde deutlich: Es kann nur miteinander klappen.
Die Gretchenfragen bei der Einrichtung einer Fußgängerzone in Diessen stellen sich mir nach dem Vortrag des Murnauer Gemeinderates so: a) Wird die anvisierte Straße so attraktiv sein, dass die nötige Passantenfrequenz erreicht werden kann? b) Wird die Flaniermeile von ausreichend verfügbaren Parkplätzen auf kurzen Wegen zu Fuß erreichbar sein? – Das sind die beiden größten Brocken. Hinzu kämen weitere Fragen wie etwa nach der Erreichbarkeit der Grundstücke per PKW für Anwohner, am besten über die Rückseiten der Grundstücke.
Manche Zuhörer suchten bereits während des Vortrags nach Antworten auf diese Fragen für die Diessener Mühlstraße. Ich gebe zu, meine Gedanken kreisen immer noch eher um die Herrenstraße, die für mich wegen ihrer durchgängigen beidseitigen Bebauung eher als Fußgängerzone geeignet scheint.
Köglmayr vermied es konsequent, sich in eine Diskussion über die Machbarkeit in der Mühlstraße oder auch anderswo hineinziehen zu lassen. Er wolle mit seinem Vortrag erreichen, dass die Zuhörer “heimgehen und nachdenken”.
Nachdenken können wir in Diessen, auch unabhängig von der angestoßenen Debatte um eine Fußgängerzone, über eine ganze Reihe angesprochener Themen.
a) Haben wir z.B. im Luftkurörtchen schon ein ausgereiftes Parkplatzkonzept?
b) Und warum sollen wir nicht noch einmal über ein Parkleitsystem nachdenken? – Auf manchen Nachholbedarf hatte Köglmayr hingewiesen.
c) Auf den Prüfstand sollte auch unsere Parkplatz-Bewirtschaftung: Wie können wir dafür sorgen, dass die vorhandenen Parkmöglichkeiten in der Einkaufsstraße auch wirklich von Kunden genutzt werden können und nicht mit Autos der dort Beschäftigten bzw. Arbeitgeber zugeparkt sind?
d) Wie machen wir unsere bestehenden Geschäfte und Restaurants attraktiver?
e) Arbeiten die Geschäftsleute schon so eng zusammen, dass sie miteinander und abgestimmt für eine hohe Besucherfrequenz ihrer Einkaufsstraße sorgen?
Einen Satz habe ich mir in diesem Zusammenhang ganz dick eingetragen: “Der ganze Ort muss sich um den Kunden bemühen!” Ich weiß nicht, ob Köglmayr es so weit fassen wollte, wie ich es hier tue: “Der ganze Ort” muss dabei mehr einschließen als die Diessener Ladenbesitzer oder Gastwirte: Bemühen müssen sich z.B. auch unsere Politiker (von denen Bürgermeister Herbert Kirsch, 2. Bgmstr. Peter Fastl, die Gemeinderätinnen Antoinette Bagusat, Petra Sander und Marianne Scharr, die Gemeinderäte Edgar Maginot und Jürgen Zirch anwesend waren), Hausbesitzer, die Einheimischen, Journalisten usw.
Der Abend bot also viel Stoff zum Nachdenken. Ich kann nur hoffen, dass sich nicht allzu viele der Zuhörer oder auch später der Leser von Berichten über diese Veranstaltung in einer Position verschantzen und damit ihr Nachdenken auch gleich wieder abschalten: “Murnau und Diessen sind doch gar nicht vergleichbar!” – Freudig erschreckt abwinkend wurden schon einmal vorsorglich die Zahlen von Übernachtungen und von Geschäften, Restaurants und Hotels gegenübergestellt. Hoffentlich denken wir im Ort auch in dieser Frage einmal etwas weiter: Wollen wir uns denn mit unseren Zahlen begnügen? Wenn ja, dann kann (muss) man auch die Idee von der Flaniermeile getrost ins Bettchen schicken. – Ich habe es anfangs geschrieben: Die Frage nach einer Fußgängerzone im Luftkurort Diessen ist ein komplexes Thema….

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Kommentare

3 Kommentare zu “Ein Diessener Sommermärchen”

  1. Lorey on Juni 24th, 2008 19:03

    Nun hat also der örtliche Gewerbeverband bezüglich der Ausweisung der Mühlstraße als Fußgängerzone Rat bei der Marktgemeinde Murnau eingeholt. Jetzt stellt man ernüchtert fest: So einfach ist es offensichtlich nicht mit der Umsetzung der Fußgängerzone, dazu muss man sich ja richtig Gedanken machen! Dabei hatte einmal alles so vielversprechend angefangen:
    Bereits im April 1996 hatte der Markt Dießen – noch unter Leitung von Bgm. Schad – der Bevölkerung ein städtebaulich integriertes Gesamtverkehrskonzept (Dießener Sanierungsblatt Nr. 3) vorgestellt, mit einem zukunftsweisenden Verkehrsminderungskonzept, konkreten Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung, Parkkonzepten, etc.. Ein attraktiver Baustein des Gesamtverkehrskonzeptes war u.a. die jetzt diskutierte Ausweisung der Mühlstraße als Fußgängerzone. Damals wurde auch vorgeschlagen, durch zeitlich beschränkte Verkehrssperrungen der Mühlstraße die Akzeptanz in der Bevölkerung zu testen.
    Die Gemeinde Dießen hat unter Bgm. Kirsch die Umsetzung des Verkehrskonzeptes und somit auch die Ausweisung der Mühlstraße als Fußgängerzone nicht weiterverfolgt. Der Mut zur Verkehrsberuhigung reichte allenfalls zu ein paar kostengünstigen symbolischen Akten, wie die Ausweisung von Tempo 30-Zonen in den Wohngebieten. Dagegen wurde der öffentliche Raum immer mehr auf Autobelange ausgerichtet, Straßen werden nur noch als Autofahrbahn und Bürgersteige als Parkflächen angesehen, Mobilität nur als Auto-Mobilität verstanden. Das hat in der Folge dazu geführt, dass der stark zugenommene Individualverkehr mit all seinen Auswirkungen sowohl immer unerträglicher (man sollte mal Samstags Vormittag zu Fuß oder mit dem Rad im Ortskern unterwegs sein) als auch gesundheitsgefährlich (Feinstaub) für die Anwohner geworden ist. Dazu kommt eine geradezu unverfrorene Missachtung von Verkehrsschildern, wie in den Seeanlagen, am Busbahnhof oder beim Cafe Sixt, im verkehrsberuhigten Bereich. Wildes Parken überall, in jeder freien Wiese, vorzugsweise mit schattenspendendem Baum (z.B. St. Alban) oder auf jedem Grünstreifen, selbst auf dem kurzen Stück neben den Bahngleisen, in den eigentlich gesperrten Seeanlagen. Sinnloses Überholen und Rasen nicht nur auf der Birkenallee. Alles wird irgendwie geduldet (“es ist halt so”), steht aber leider für eine Jahrzehnte lang vernachlässigte Verkehrspolitik der Gemeinde und damit einhergehend, fehlender Verkehrsmoral im Ort.
    Jetzt allerdings rächt es sich, dass man das wegweisende Verkehrskonzept seinerzeit nicht umgesetzt hat. So fangen wir eben wieder mal von vorne an.
    Wie immer in Dießen, wenn zukunftsfähige und nachhaltige Entscheidungen zu treffen sind.
    Und spätestens 2020, wenn sich Bgm. Kirsch und sonst verdiente Gemeinderäte dann hoffentlich nicht mehr zur Wahl stellen, diskutieren wir immer noch über das Für und Wieder, vielleicht sogar schon über das “Shared Space”-Projekt, sofern die Auswirkungen der Energieverknappung mit ständig steigenden Benzinpreisen, die auch die Dießener Bürger bzw. die Bürger von Dießen nicht verschonen werden, es uns überhaupt noch erlauben werden.

  2. Hannes Sander on Juni 25th, 2008 23:08

    Vielleicht erspart ja das Studium des hier zitierten “Sanierungsblattes Nr. 3″ einigen Aufwand und viel Zeit. – Danke!

  3. Petra Sander on Juli 17th, 2008 16:55

    Das Sanierungsblatt Nr. 3 vom April 1996 habe ich mir im Rathaus besorgt.
    Die angekündigte Forderung bzw. Empfehlung einer Fußgängerzone ist darin nicht zu finden. Es werden zur Verkehrsberuhigung großflächige Temo-30-Zonen empfohlen, die gegenwärtig sogar größer sind als damals vorgeschlagen. Die geplanten Wirkungen “Hinwirken auf eine der Situation angepasste Geschwindigkeit, Reduzierung von Emissionen und von Belastungen” konnten dadurch nicht erreicht werden. Auch die Maßnahmen des Parkierungskonzeptes wurden umgesetzt, sogar zusätzlich der Parkplatz in der Von-Eichendorff-Straße geschaffen.
    Nicht umgesetzt wurde das Linksabbiege-Verbot am Marktplatz aus der Mühlstraße und der Prinz-Ludwig-Straße kommend sowie das Teilkonzept Umfahrung.
    Die besten Konzepte nutzen aber nichts, wenn Regelungen von unseren eigenen Bürgern nicht eingehalten werden. Die Autos werden ohne Rücksicht auf Fußgänger auf Gehwegen geparkt, weil es “nur für ein paar Minuten ist”, in denen Familien mit Kinderwagen, Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Rollator auf die Straße ausweichen müssen. Spricht man die Falschparker an, bekommt man einen Vogel gezeigt oder wird angeblafft.
    Manch Mitbürger, der in seiner Straße die Umsetzung des Tempolimits kontrolliert wissen wollte, ist von anderen dabei erwischt worden, wie er selbst zu schnell durch die ihm bekannten engen Straßen rast. Es hat halt gerade pressiert. Da bleibt zu hoffen, dass die Speicherkarte der Geschwindigkeitsmesstafel funktioniert und ausgewertet wird.
    Hundebesitzer fahren neuerdings bis an das Tor zum Naturschutzgebiet hinterm MTV-Gelände, damit sie ihr Auto im Schatten parken können und nicht in die Verlegenheit kommen ein Tütchen aus den immer mehr werdenden Hundetoiletten nehmen zu müssen und die Sch… ihres Hundes selbst zu entfernen.

    Die Umsetzung eines Konzeptes scheitert, wenn sie durch die Bequemlichkeit einzelner in Frage gestellt wird.

    Ein weiterer Baustein des Gesamtverkehrskonzeptes ist ein attraktiver ÖPNV. Jeden Morgen fahren in Lachen mehrere PKW los, um die Kinder in die Schule zu fahren. (Meinen Erstklässler möchte ich ab September auch nicht den Weg zur Schule laufen lassen, zumal der zwischendrin recht dschungelartig ist.) Als ich vor einigen Monaten zufällig zum Schulbeginn an der COV vorbeikam, war ich total schockiert, welch Autoverkehr dort stattfindet. In Lachen fahren seit das Gymnasium in Betrieb ist mehrere Busse durch.
    Da haben wir z.B. noch jede Menge Potenzial Individualverkehr zu vermindern.