Heute durfte ich mit einer Gruppe der Ammersee-Heimatforscher auf Schatzsuche gehen. Eigentlich war es mehr eine Schatzsichtung, denn die Schätze steckten in Kartons verstaut auf einem großen Dachboden. Es ging um die Modelleisenbahn des Diessener Schreiners Rudolph Keil (geb. 1897), die 1976 bei der Auflösung von Keils Diessener Haushalt, demontiert und in die besagten Kartons verpackt worden war. Erst vor einigen Monaten ist diese Modelleisenbahn wieder in Erinnerung geraten, als sie vom Speicher des Traidtkastens wegen Platzmangels umziehen musste. Dabei waren die Heimatforscher eingeschaltet worden, deren Vorsitzender, Herwig Stuckenberger, sich der Modelle anahm. Er hatte sich dafür in der Restaurierungswerkstatt des Deutschen Museums fachmännischen Rat geholt. Dort war ihm dringend geraten worden, die Eisenbahn unbedingt zu erhalten, hier handele es sich um wichtiges Kulturgut für Diessen.

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In der Zwischenzeit wurde mit Hilfe von Bürgermeister Kirsch ein neuer Speicher gefunden, wo das technische Kulturgut gelagert wird. Aber, wie nun weiter? – Diese Frage will Stuckenberger anpacken und hat eine kleine Gruppe Enthusiasten um sich geschart, die heute die Eisenbahn-Schätze sichteten. Treffpunkt war das Archiv im Rathaus, wo neben zwei gut erhaltenen Loks auch Zeichnungen und Skizzen von Rudolph Keil aufbewahrt werden. 

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Was es anschließend aus den Kartons zu heben gab, übertraf meine Erwartungen. Die zerlegte Anlage mit Loks, Signalen, Gleisen, Schaltkästen, Modellhäusern ist nur das eine. Hinzu kommen Modell-Kräne, -Förderbänder, -Sessellift und -Seilbahn. Selbst eine Schwebebahn und ein Paternoster befinden sich unter den Schätzen. Jeder Griff in einen Karton bringt eine neue Überraschung zum Vorschein. Es ist frappierend: Alle Modelle sind Eigenbau, zusammengebastelt aus Blech, Holz und – aus ausrangierten Elektromoteren von Haushaltsgeräten und Scheibenwischermotoren aus PKWs. Ihr Schöpfer muss ein begnadeter Tüftler und Perfektionist gewesen sein. Wie viel Arbeitszeit und Herzblut mag in diesem Sammelsurium stecken?!

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Zunächst sollen die Modelle gesichtet und sortiert werden. Dann will man mit einer “zurückhaltenden Restaurierung”, wie es Stuckenberger nennt, beginnen. In einem nächsten Schritt sollen einzelne Modelle “stellenweise zum Fahren” gebracht werden. Dazu wird ein geeigneter Raum gesucht, denn auf dem großen Speicher ist schon aus Brandschutzgründen an Löten und Testfahren überhaupt nicht zu denken. Hier könnten Diessener Gewerbetreibende in die Bresche springen. – Wer hilft – mit einem Raum, vielleicht mit Know-how und Bastel-Manpower, mit einer Geldspende??? – Vielleicht gelingt es ja, bis Weihnachten einige Modelle wieder flott zu kriegen! Und was hätte Diessens Geschäftswelt für eine einmalige Attraktion, wenn in einigen Schaufenstern zur Weihnachtszeit bereits ein paar fahrende Modelle zu bestaunen wären…

Bei dieser Aktion sollte der Modellbauer Rudolph Keil gewürdigt werden, der auch mir noch ziemlich unbekannt ist. Was weiß ich bisher von ihm? 

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Er stammte aus ärmsten Verhältnissen; malte schon in seiner Diessener Schulzeit sehr gerne, doch sein Talent wurde hier nie erkannt; er machte notgedrungen eine Schreinerlehre, weil er keine Möglichkeit bekam, z.B. den geliebten Beruf des Mechanikers zu lernen oder gar einen höheren Bildungsweg einzuschlagen; in den 20er Jahren malte er Bilder, die 1978 in einer Ausstellung im Taubenturm gezeigt worden sind; er dichtete und versuchte sich als Erfinder – diese Vielfalt in seinem Schaffen hat Keil einmal knapp so kommentiert: “Mei, was mir alles einfällt.”; alle Fähigkeiten hatte er sich als Autodidakt angeeignet. In der Schrift zur Ausstellung im Taubenturm war der damals 81jährige Rudolph Keil mit diesem, sehr persönlichen wie bescheidenen Resümee zitiert worden: “Alles ist immer nur so halb gewesen, die meisten haben bloß gesagt; der spinnt!”

Kommentare

3 Kommentare zu “Modellbahn von Diessens verkanntem Genie”

  1. Moellus on Juni 5th, 2007 21:41

    Ganz grosses Bastler-Tennis – ich bin begeistert.
    Viel Erfolg beim Reaktivieren!
    Gruss aus Berlin!

  2. O’bloggt is! » Blog Archive » Modellbahn soll wiederbelebt werden on August 6th, 2007 17:39

    [...] Am 5. Juni durfte ich bei der “Schatz-Sichtung” der Diessener Heimatforscher dabei sein: Aus Umzugskartons hoben wir damals Loks und Schienen, Krane und Seilbahnen einer ganz erstaunlichen Modelllandschaft, die der ehemalige Diessener Schreiner Rudolph Keil einst gebaut hatte. Am vergangenen Freitag trafen sich die Modellbahnfreunde wieder, die inzwischen ausgebreiteten und vorsortierten Schätze zu katalogisieren und weiter zuzuordnen. Sogar einen alten Trafo hatte jemand mitgebracht und nun war die Hoffnung groß, vielleicht die eine oder andere Lokomotive wenigstens ein Stückchen zum Laufen zu bringen. Immerhin, ein leises Summen war schon mal zu vernehmen, die erhoffte Schienenfahrt blieb aber noch verwehrt. Die ersten Loks wurden nun zur Reinigung und Instandsetzung in professionelle Hände freiwilliger Helfer gegeben. Weitere Unterstützung wird gesucht: Leute mit technischem Verstand und Geschick, und ein beheizbarer Raum, in dem im kommenden Herbst und Winter weiter an der Eisenbahn gebaut werden kann, müssen gefunden werden. Ob es gelingt, bis Weihnachten die ersten Schienenstücke mit Loks befahren zu können? Vielleicht wird das ja die Schaufensterattraktion der Diessener Geschäftsleute zur Weihnachtszeit! – Geschäftsleute, die die Aktion unterstützen und fahrende Loks im Schaufenster zeigen wollen, können sich hier melden. [...]

  3. Ein “Transrapid” am Ammersee : moosblogger on September 27th, 2007 15:15

    [...] Die Modellanlage des ehemaligen Diessener Schreiners Rudolph Keil, über die ich hier schon am 5. Juni und am 6. August diesen Jahres mit vielen Bildern berichtet [...]

 

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